Lilian hatte Angst. Seit Wochen schon. Immer wieder derselbe Traum. Ein Komet, der auf die Erde fällt und alles Leben auslöscht. So wie die Dinosaurier vor Jahrmillionen ausgelöscht worden waren, so würde auch sie von der Erde verschwinden. Und mit ihr alles, was ihr wichtig war: Der graue Drache, der Bub, der ewig beleidigte Phoenix, der Findefuchs und alle ihre Freunde.
Der Bub versuchte ihre Furcht zu zerstreuen, seit sie den Traum zum ersten Mal geträumt hatte. Das änderte nichts daran, dass abends auf ihrem Bett aus Laub und Geäst ihr letzter Satz lautete: „Ich hab‘ Angst, Bub.“ Jeden Abend nahm der sich viel Zeit. Er erklärte, dass nicht jeder davon überzeugt war, dass es ein Kometeneinschlag gewesen sei, der zum Ende der Dinosaurier geführt habe. Genauso gut könnte es auch der Beginn der Eiszeit gewesen sein. Oder die Säugetiere. Die waren anpassungsfähiger an ihre Welt… vielleicht. Es nützte nichts. Lilians Angst blieb. Sie ließ sich nicht mit Vernunft vertreiben. Deshalb hatte der Bub beschlossen, ihre Angst nicht mit Wissen zu vertreiben, sondern mit Weisheit.
Abends, wenn die Sonne die Wand der Höhle noch einmal rostrot strahlen ließ, holte er seine Fidel oder seine Flöte aus seinem Rucksack und machte Musik. Er war ein Zauberer. Solange er spielte, tanzten im Schatten, den das Feuer warf, Lebensgeister und Fabelwesen einen lustigen Tanz. Immer rundherum. Lilian wurde ganz schwindelig. Man durfte sie nicht direkt anschauen. Das mochten sie nicht und verkrochen sich dann gleich in den Spalten an der Höhlenwand. Wenn man sie nur aus den Augenwinkeln anschielte, dass die Augäpfel fasst schmerzten, bemerkten sie nicht, dass man sie betrachtete. Dann konnte man das muntere Treiben beobachten und sich daran freuen. Der graue Drache hat ihr das gezeigt – sehr zum Leidwesen des Phoenix. Der behielt sein geheimes Wissen lieber für sich, statt es mit seinen Freunden zu teilen. Doch so mürrisch und wunderlich er auch war: Lilian, der Bub und der Drache konnten sich auf ihn verlassen. Felsenfest. Es sei denn, er bekam einen seiner schlimmen Wutanfälle. Dann nämlich puffte es laut in der Luft, es gab eine blaue Stichflamme und der Phoenix war zu Asche verbrannt. Einer der Freunde musste dann die Asche sorgsam zusammenfegen und in den kleinen, schäbigen Lederbeutel füllen.
Der Beutel besaß magische Kräfte. War die Phoenix-Asche erst einmal darinnen, begann er sich zu verändern. Er verwandelte sich langsam in ein Ei. Als der graue Drache Lilian zum ersten Mal von der Magie des Phoenix und seines Beutels erzählt hatte, hatte das Mädchen ein Hühnerei erwartet – nur größer. Doch das Phoenix-Ei war von filigraner Schönheit. Zierliche goldene Ranken und Blüten überzogen seine Oberfläche wie Aderwerk. Die Blüten öffneten sich später anmutig. In ihrem Innern wuchsen die schönsten Edelsteine: Smaragde, Rubine, Saphire, Diamanten. Lilian gefielen die grünen Steine am besten. War das Ei voll entwickelt, öffnete sich die Schale und der Phoenix stieg heraus. Strahlend und schön wie je!
Nur wusste man nie, wie lange es dauerte – vom Puff zur Wiedergeburt. Einmal hatten Lilian, der graue Drache und der Bub fast hundert Jahre auf den Freund gewartet
und die Hoffnung auf ein Wiedersehen schon fast aufgegeben. Ein andermal hatte es der Fabelvogel so eilig, dass er nach einem halben Tag schon wieder aus seinem Ei sprang. Wenn der Bub auf seiner Fidel spielte, leuchtete des Phoenix farbenfrohes Gefieder von innen. Es war, als hätte die Musik ein Feuer in ihm entfacht. Eines, das einem Feuervogel nicht schaden kann.
Lilian machte es nichts aus, dass der Phoenix sein Wissen zu einem knappen Gut machte. So war es für sie und die anderen umso wertvoller. Durch das Leben an seiner Seite lernte sie ohnehin genug von ihm. Es gab ja schließlich noch den grauen Drachen und den Bub, der jetzt die Fidel zur Seite legte und zur Flöte griff. Lilian legte die Hand auf seinen Arm: „Lass gut sein, Bub“, sagte sie. „Du hast heute so viel für mich getan und ganz müde Augen. Leg du dich zum grauen Drachen und dann werde ich euch eine Geschichte erzählen – wenn ihr erlaubt von Drachen und Kometen.“
Der Bub blickte sie unentschlossen an. Vielleicht befürchtete er, dass Lilians Angst damit geweckt und sie in der Nacht wieder schweißgebadet und laut schreiend aus dem Schlaf hochschrecken würde. Dann willigte er mit einem knappen Nicken ein. Die drei Freunde schmiegten sich aneinander, während die Kälte mit der Dunkelheit in die Höhle kroch.
„Vor langer Zeit“, begann Lilian und runzelte konzentriert die Stirn, „lebten in diesem Land hunderte Drachen. Es war ihr Land. Unter ihnen gab es friedliebende, die Gras und junge Triebe fraßen und in Herden über die weiten Ebenen zogen. Und dann gab es die Drachenfresser, die sich in den wogenden Weiten des Graslandes versteckten, immer ganz nah am Boden. Wenn ihre Beute vorüberzog, breiteten sie ihre ledrigen Schwingen aus und ergriffen ihr Opfer mit scharfen Krallen. Sie erhoben sich mit einem einzigen kraftvollen Flügelschlag in den Himmel und ließen sich auf den Ästen der riesigen Baobab-Bäume nieder. In schwindelerregender Höhe fraßen sie gierig ihre Artgenossen. Kaum war der letzte Bissen in ihrem Maul verschwunden, fielen ihnen mit einem unangenehmen Schnappen die Augen zu. Sie schliefen sie sofort ein. Dann kippten die Drachenfresser vom Ast. Doch sie stürzten keinesfalls in die Tiefe, nein. Ihre Krallen fest um die Baobab-Äste gelegt, sauste der ganze schwere und übersatte Drachenkörper herum, pendelte und pendelte aus. Dann hing der Drache wie eine Fledermaus mit dem Kopf nach unten am Ast und schnarchte zum Steinerweichen…“
Der graue Drache spitzte die Ohren. Vor der Höhle hatte er ein Geräusch gehört, das er keinem Tier zuordnen konnte. Sollten die Häscher der Larmoryaner sie aufgespürt haben? „Hschsch“, zischte er. Lilian unterbrach ihre Erzählung und lauschte ebenfalls angestrengt in die Dunkelheit. „Soll ich hinausschleichen und nachsehen“, wisperte sie fast tonlos. Der Bub schüttelte mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Das fehlte noch. Sie hatten Lilian bis hierher gebracht und jetzt wollte sie ohne Not ihr Leben aufs Spiel setzen.
Das Rascheln am Eingang der Höhle wurde lauter. Lilian tastete so leise sie konnte nach ihrem Bogen. Der Bub hatte die Hand an sein Schwert gelegt. Nur der graue Drache wirkte unverändert. Wirkte! Lilian kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass jeder seiner Muskeln angespannt war und dass er bereit war, loszuspringen, um sie vor dem zu beschützen, was sich dort am Höhleneingang Einlass verschaffte. „Wartet“, flüsterte sie den Freunden zu, „wartet, bis wir es sehen können. Ich will nicht noch mehr Unschuldige in diesen Kampf hineinziehen. Vielleicht sind es Flüchtlinge wie wir.“ Keiner der beiden Freunde schenkte ihren Worten Beachtung. Beide blickten angespannt in die Dunkelheit. Selbst das Gemurmel der Lebensgeister war plötzlich verstummt.
Und dann trat es in die Höhle.