Lilian war auf geheimen Wegen in die Stadt gekommen. Seit mehr als drei Jahren wurde die nun schon von den Regierungstruppen und den Streitkräften des Nachbarlandes belagert. Zuerst hatte sich die Front weit weg vom Stadtrand, in den weiten Tälern des Miramakuri entlanggezogen. Doch die Angreifen waren immer näher gerückt, bis sich ein Gürtel aus Eisen, Bomben und Waffen um Aleppo gelegt hatte. Viele Einwohner waren in den ersten beiden Kriegsjahren geflohen. Hatten Haus und Hof zurückgelassen. Wohlverschlossen. In der unverbrüchlichen Gewissheit, bald zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie sie es verlassen hatten.
Der Bäcker in der Guzmanistraße hatte einen Hinweis an die Tür geheftet, auf dem stand: „Vorübergehend geschlossen“. Er hatte die Auslagen ausgewischt und die Glastheke poliert, bis kein einziger Fingerabdruck der Kinder aus der Guzmanistraße mehr zu sehen war, die immer ihre Finger auf die Scheiben drückten, um dem Bäcker zu zeigen, welchen Bonbon oder welchen Kaugummi, welches Zuckerstück sie kaufen wollten. „Das da“, sagten die Kinder dann und deuteteten mit schmutzigen Fingern auf einen der begehrten Schätze in der Bäckertheke. Die Bäckersfrau verdrehte die Augen und reichte das Gewünschte gegen ein paar Piaster, bevor sie zum Wischlappen griff.
„Vorübergehend geschlossen“. Der Bäcker war mit Frau, Sohn, Sohn und Tochter zu Verwandten ins entfernte Barrtika gefahren. Man hatte sich winkend und gut gelaunt verabschiedet. Sich einen angenehmen Aufenthalt gewünscht, während in der Ferne schon das Grollen des Kriegs zu hören war. Nachts erhellte sich der Himmel. Dann und wann bebten die Wände sacht. Kaum spürbar.
Der Bäcker war ein vorsichtiger Mann. Sein Plan: Zurückzukehren, nachdem er Frau, Sohn, Sohn und Tochter in Sicherheit wusste. Er wollte die Bäckerei erst einmal allein weiterführen. Die Leute in der Guzmanistraße nicht brotlos hinterlassen. Doch schlau, wie er war, ahnte er, dass mit Brot ein Vermögen zu verdienen war, wenn der Krieg nur länger dauerte. Mit einem Müller und weiteren Lieferanten hatte er vereinbart, dass seine Bäckerei bevorzugt beliefert werden solle. Dafür hatte der Bäcker dem Müller und den anderen zugesagt, sie an seinen Einnahmen großzügig teilhaben zu lassen. Die Vereinbarungen wurden mit einem Handschlag besiegelt.
Sechs Wochen nach dem gut gelaunten Auszug kehrte der Bäcker zurück nach Aleppo. Die Guzmanistraße lag in Trümmern. Die meisten Häuser skelettiert. Scharfschützen der Regierungstruppen lagen im unteren Teil der Straße auf der Lauer. Bis an die Zahne bewaffnete Rebellen im oberen Teil. Seine Bäckerei lag ganz in der Nähe jenes Straßenabschnitts, an dem die verfeindeten Truppen aufeinandertrafen.
Der Bäcker nutze eine Feuerpause, um in seinem Laden nach dem Rechten zu sehen. Fassungslos, ungläubig, den Tränen nah stand er vor dem Haus, das sein Ugroßvater gebaut, in dem sein Großvater die Bäckerei eingerichtet, in dem sein Vater und er selbst gelebt, gearbeitet und Söhne gezeugt hatten. Es war bis auf die Grundmauern zerstört. Nur die Eingangstür stand fest im Rahmen. Das Glas war zwar zersplittert, doch es wurde von einem Zettel zusammengehalten. Auf dem stand in leicht sonnengebleichter Schrift: „Vorübergehend geschlossen“.
Lilian blinzelte in die Sonne.