Traum unter Reet

Plötzlich klopft es an die Tür. „So spät…“, denke ich, aber da ist Kassandra schon verschlafen aufgestanden und öffnet.

Auf der Schwelle sitzen drei Amseln. Zwei Männchen mit schwarzem Gefieder und gelbem Schnabel und ein unscheinbares, graubraunes Weibchen. Die beiden Gelbschnäbel tragen Graubraun auf ihren Flügeln. Sie sieht verletzt aus, ist kaum bei Bewusstsein, soweit ich das von meinem bequemen Platz im Sessel beurteilen kann. „Wir brauchen Ihre Hilfe“, sagt Gelbschnabel I: „Unser Weibchen muss sofort zum Arzt. Besser gleich in ein Krankenhaus.“ Er weist auf eine von Graubrauns Krallen. „Oh mein Gott!“ ruft Kassandra entsetzt, „woher kommt denn dieser ganze Müll?“ Um die Vogelkralle hat sich rot-weißes Absprerrband, orangefarbene Plastikkordel und ein wenig Seegras gewickelt. „Wir waren am Wasser“, beginnt Gelbschnabel I, dem ganz offensichtlich die Sprecherrolle des Trios zukommt. Informeller Führer oder so.

„Am Wasser?“ rufe ich erstaunt in Richtung Tür, wo Kassandra immer noch auf das Trio hinabblickt. Ich erhebe mich mühsam und gehe hinüber. „An der Nordspitze. Wanderung um die Odde“, sagt Gelbschnabel I. „Alles voll mit Müll. Wahrscheinlich von Fischerbooten gefallen. Unachtsamkeit, nehme ich an.“ „Vielleicht auch absichtlich ins Meer geworfen“, piepst Gelbschnabel II ungefragt. „Mein Kumpel hier und ich gehen ein paar Meter ins Gespräch vertieft am Flutsaum entlang und als wir uns umwenden, hat sie sich mit der Kralle in diesem Dreck verheddert“, beeilt sich Grünschnabel I zu ergänzen. „Wir also hin und da fiel sie auch schon in Ohnmacht. Wir haben sie auf dem schnellsten Weg hierhergebracht. Bitte. Wir brauchen Hilfe. Sie muss zum Arzt.“

Ich schnappe mir meine Jacke und nehme das Amselweibchen vorsichtig in meine Hände. „Gut“, sage ich. „Herbert Feuerstein ist schon draußen in der Ente. Wir können sofort los.“ So wenig Vogel, denke ich und betrachte besorgt die vermüllte Kralle.

Herbert Feuerstein sitzt hinter dem Lenkrad. Der Motor läuft. Es ist kalt. Die Scheiben sind vereist. Eilig verabschiede ich mich von Kassandra, dann drücken die beiden Gelbschnäbel und ich mit dem verletzten Weibchen in der Hand uns auf dem Beifahrersitz. Herbert fährt mit quietschenden Reifen an.

„Wir sollen wir das bloß so schnell nach Marokko schaffen“, sagt er wichtig und leicht genervt. „Weiß ich auch nicht“, erwidere ich. „Aber wir müssen es versuchen. Mit dieser Kralle sind ihre Überlebenschancen nicht gut.“

Herbert tritt aufs Gaspedal.