Die Alte


Sie motzt. Schon beim Aufstehen. Sie schlägt die Augen auf und meckert: über ihr Alter oder ihren Schlaf. Über dieses verdammte Leben, dass sie endlich beendet haben will. Über ihren Verstand, der nicht mehr das ist, was er war. Über das Haus, in dem sie lebt und das sie am liebsten gegen eine kleine Wohnung tauschen würde. Vor allem über ihre Schwiegertochter.


Sie ist untergewichtig und humpelt, isst nur noch Brot mit Butter und Marmelade, trinkt nur noch entkoffeinierten Kaffee.
Sie ist stuhlinkontinent. Wäscht sich fast immer nach dem Toilettengang. Nur: Sie sieht nicht, dass an den Waschlappen, die sie mehrmals nutzt, braune Stellen bleiben. Sie bemerkt nicht, dass der Wasserdruck in ihrem Bad so lächerlich gering ist, dass es ihr nicht gelingen kann, die Lappen zu reinigen. Sie wäscht sich nach einem Toilettenbesuch so die Hände: Sie lässt ein bisschen Wasser über ihren Handrücken laufen und trocknet sich dann die Hände ab. Kitsune beschließt, in diesem Haushalt nie wieder etwas zu essen und möglichst selten Griffe, Türklinken oder Oberflächen anzufassen.


Sie ist hochmütig. In allem. Sie hat mehr gearbeitet in ihrem Leben und weniger Freizeit gehabt als alle. Das macht sie zu einem besseren Menschen als alle. Sie hat nur Hohn für Menschen, die Rollatoren nutzen, in die Tagespflege gehen, Freundschaften pflegen oder im Café sitzen. Ihre eigene Lebensweise ist die einzig richtige.
Immer sind andere schuld. Nie sucht sie sie bei sich oder hinterfragt sich. Sie lebt in einer extrem kleinen Welt und glaubt doch, die sei ein Universum. Hier ist sie die Königin, die alles bestimmt. Die Enge dieses Königreichs, in dem alles ist wie seit Jahrzehnten, lässt sie glauben, es gebe keine Veränderung. Nirgends. Und sie sei dieselbe wie immer, die alles allein wuppen kann. Tritt sie aus ihrer winzigen Welt, ist sie überfordert. Nichts kriegt sie hin, kein Gespräch mit Fremden kann sie führen, für alles braucht sie Hilfe und glaubt doch weiterhin an die eigene Großartigkeit.


Sie ist gebrechlich und will dennoch alles bestimmen. Selbst wenn diese gebrechliche Körper sie anderes lehrt. Sie duldet keine Alternativen. Im Krankenhaus, nach der ambulanten OP, muss sie Pipi. Die Krankenschwester hatte gesagt, die frisch Operierte dürfe nur auf die Bettpfanne, nicht selbständig aufstehen, um auf die Toilette zu gehen. Zu gefährlich. Was, wenn sie stürzt? Als Kitsune ihr sagt, dass sie nicht aufstehen dürfe, sondern eine Bettpfanne gebracht werde, sieht sie die Wut in den Augen der 88-Jährigen aufsteigen. Die Alte besteht darauf, dass Kitsune ihr die Hausschuhe reicht. „Keine Bettpfanne! Ich gehe jetzt aufs Klo! Niemand bestimmt, was ich mache! Ich mache das, was ich für richtig halte! Das habe ich mein Leben lang gemacht!“

Kitsune ist erschrocken über diese unverhohlene Wut ihres Gegenübers. Und doch muss sie darauf bestehen, dass die Alte bleibt. Zu groß die Gefahr eines Sturzes. Kitsune schindet Zeit, bis die Pflegekraft da ist. Die Alte keift und keift. Nur noch wenig hält sie davon ab, handgreiflich zu werden. Ein My und sie schlägt zu… oder spuckt. Kitsune sieht das und ist doch hilflos. Die Pflegekraft schiebt den Vorhang beiseite. Die Alte steht schon in Hausschuhen an der Bettkante. Ein bisschen unsicher, aber entschlossen. Sie wird es uns allen zeigen!

Eben noch war sie benommen gewesen, hatte nicht gewusst, wo sie war, gedacht, sie sei zuhause, nach ihrem Kaffee verlangt, nach dem Telefon, danach, bis morgen Früh weiterschlafen zu dürfen. Sie hatte gebrabbelt und mit wirrem Blick aus dem Bett aufgeschaut. Jetzt, in ihrer Wut, war sie voll da. Ein verletztes Tier, bereit die Krallen tief in das Fleisch des Angreifers zu bohren.


Kitsune wird all das wohl nicht vergessen. Die schmutzigen Hände, die Wut, all das Negative. Den Hochmut. Die Enge. Den Mangel an Empathie.

Doch sie weiß: Die Alte ist dement und verzweifelt daran.