Steineschmeißer* willkommen

Ein ganzer Haufen zauberhafter Menschen. Schicke Kleidung? Nope! Frisör? Nope. Ruhig und freundlich. Aufmerksam. Achtsam. Also genau Kitsunes Ding. Aktivisti sind sie auch.

„Mein Name ist Ahorn. Mein Pronomen ist es“, hat sich einer von ihnen vorgestellt, als die siebenschwänzige Füchsin sagt: „Hi, ich bin Kitsune und wer bist du?“ Es ist die gleiche Person, mit der der Hauptmann, am nächsten Morgen einen höchst ungewöhnlichen Dialog beginnt. Hintergrund. Der Hauptmann ist immer als erster von allen auf. Er geht extrem früh ins Bett und steht entsprechend auf. Hat sich schon einen Kaffee gemacht und sitzt mit seiner Lieblingstasse in der Hand (Tampa Art Museum) und einem Surface auf dem Schoss entspannt im Wohnzimmer. Er so: „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ Ahorn sieht den Hauptmann irritiert an, schweigt, schweigt und schweigt. Dann sagt es: „Ich kann mit der Frage nichts anfangen.“


Vegan leben alle, die bei Kitsune und ihrem geliebten Mann für eine Woche zu Besuch sind, in den beiden Zimmern der geliebten Tochter schlafen – und im Wohnzimmer. Die das Wohnzimmer als das entdecken, was es sein sollte: ein Gemeinschaftsraum, in dem alle zusammen Zeit verbringen. Sie singen zum Gitarrenspiel von Winter oder spielen gemeinsam ein Gesellschaftsspiel, das Larve in ihrer nüchternen Art erklärt. Kitsune steht im Türrahmen und schaut dem Treiben zu. Dann fragt sie: „Kann ich ein Foto von euch machen? Also nicht für mich, für euch. Ihr habt doch eine Messenger-Guppe. Ich würde es Latvijas schicken und sie kann es teilen.“ Alle sind einverstanden. Ein Mensch, dessen Namen Kitsune schon wieder vergessen hat und der auf der Couch loungt, sagt ernst: „Ich möchte nicht fotografiert werden.“ Sie schaut seine Begleitung an, die neben ihm sitzt und die Beine um Naomi oder Norma oder wie auch immer es heißt, kuschelt: „Dann bist du auch nicht drauf.“ Die Begleitung nickt.


Viele der Gäste wollen nicht einem Geschlecht zugeordnet werden. Sie wollen „they“ und „them“ sein oder ein anderes nicht-binäres Pronomen verwendet wissen. Sie wollen nicht in ein binäres Geschlechtssystem gezwungen werden, das sich in der Sprache abbildet. Sprache ist Bewusstsein 4.0 also. Oder so… Kitsune erinnert sich an die Franziska Becker-Comics, an die Frauenliteratur der 1980er, an Betty Friedan und Carson McCullers. An die Diskussionen und gesellschaftlichen Erwartungen. An das vermeintlich sichere Wissen, dass bei ihr alles im Leben anders sein würde als bei den Müttern, weil Kitsune ja einen scheißgeilen überlegenen Bewusstseinsstand hatte, damals im Studentinnenwohnheim.


Und dann fällt ihr der Satz der Schwester ein: „Wird die Gesellschaft die Steineschmeißer verändern oder werden sie die Gesellschaft verändern?“


On verra.


Sie verwüsten die Küche. Sie kochen viel und frisch: Frühstück, Mittagessen, Abendessen – immer für etwa 12 oder 13 Personen. Einige von ihnen stehen am Herd, gegessen wird gemeinsam auf dem Boden im Wohnzimmer. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld. Aber sie räumen sie auf, jemand spült, die anderen trocknen ab. Ihre eigenen Lebensmittel haben sie mitgebracht – containert vielleicht. Wahrscheinlich… Hoffentlich. Eines Morgens liegt ein Zettel im Küchenchaos: Wir machen noch sauber, aber die Spülmaschine war voll, steht darauf. Problem kenne ich, kritzelt Kitsune darunter.


Die Fremden machen der Füchsin Freude. Dabei hatte sie – ganz ungewöhnlich – solch einen Schiss vor diesem Besuch. Elf, zwölf, vierzehn fremde Menschen für eine Woche bei ihr zu Gast, Aktivisti, die sich von Klimaaktionen kennen, vom Hambi, Danni oder Fechi, gemeinsam in einer Kommune verbracht haben, von denen sie nicht weiß, wie sie ticken, was sie denken, wie es ihnen geht, wenn sie in dieses bürgerliche Idyll kommen, das Zufriedenheit und Wohlstand ausdünstet.


Nachts, als Kitsune müde im Bett liegt und schlafen möchte, hört sie rhythmisch eine Trommel aus dem Wohnzimmer. Das Trommelgeräusch schwillt an, dann wird es wieder leiser. So geht das eine ganze Weile. Ihr Gegenwarts-Ich entspannt sich, grinst in sich hinein und schläft bald tief und fest.
Es ist gemütlich im Haus mit den Menschen.

Ich werde sie vermissen, wenn die letzten am Samstag abgereist sind, denkt die Füchsin.

Die Lebensmittel in einen alten Koffer des Hauptmanns gepackt rollern sie die Straße hinunter. Was ein Bild. Der hochaufgeschossene Winter mit bunter, weiter Hose, noch bunterem Oberteil und noch noch noch bunterer Weste über allem. Dazu langes, etwas wirres Haar und ein Rucksack auf dem Rücken. Ein Hippester. Ein Lebenskünstler. Larve daneben mit großem Rucksack und Schlafsack.

Man darf nicht zu bequem werden, hat eine blaue Füchsin einmal zu Kitsune gesagt. Diesen Satz vergisst sie nicht, auch wenn sie die Blaue gern vergessen möchte. Deshalb waren die Menschen nach einigen Diskussionen willkommen. Deshalb ist es okay, wenn 1nitetenter im Garten übernachten, der Hauptmann sie am nächsten Morgen bewirtet und lange Gespräche mit ihnen führt. No Bequemlichkeit. Nirgends.


*Das Wort Steineschmeißer hat der ehemals beste Freund meines geliebten Mannes in den 1980er Jahren geprägt. So nannte er die Menschen, die – wie seine damalige Freundin – gegen die Startbahn West, die Stationierung von Pershing 2-Raketen oder Atomkraft demonstrierten. Ich verwende das Wort im positiven Sinn – für Menschen, die sich engagieren.

und sonst so