Praktikum

Da ist die 96-Jährige Demenzkranke, die die Notaufnahme zusammenschreit und wenn der Hauptmann sich ihrer annimmt und sich mit ihr befasst, ist sie gelöst und spricht. Als ihre Kinder zu ihr kommen, um sie abzuholen, sind sie erstaunt, dass er sie erreicht hat. Sie schaffen das nicht.

Da ist die 48 Jahre alte Afghanin mit Pankreas-Krebs, die eigentlich schon lange tot sein müsste, weil niemand, der an dieser Krebsart leidet, es so lange macht. Die einen Mann hat, der an der Krankheit seiner Frau verzweifelt, weil sie schreit und schreit und schreit vor Schmerzen. Als sie in der Notaufnahme Morphium bekommt, lassen die Schmerzen für 20, 30 Minuten nach.

Da ist der Alkoholiker, der am nächsten Tag einen Entzug in einer Klinik beginnt und sich noch mal so richtig volllaufen lässt. Mit 4 Promille oder so kommt er in die Notaufnahme. Er hat niemanden, den er anrufen kann, um ihn abzuholen. Seine Ex-Frau und seine Tochter haben sich von ihm losgesagt. Schließlich holt ihn sein Ex-Schwiegervater ab, um ihn in die Entzugsklinik zu fahren. „Ich will dir eine Chance ermöglichen, dein Leben zu ändern“, sagt er.

Da ist die alte Dame, die mit dem Hauptmann spricht, sich unterhält, sagt, dass sie aus der Heimatstadt des Hauptmanns stammt und dort ein großes Haus an einem Naturdenkmal bewohnt. Nur wohnt sie in der Stadt, in der auch die Klinik steht, im Altenheim, um genau zu sein. Dort ist sie gestürzt und hat sich nur die Hand verletzt – wie genau das passiert ist, weiß sie nicht mehr… schlimme Krankheit halt, diese Demenz… Sie wird verarztet, ihre Hand verbunden. Dann wird sie mit dem RTW zurück ins Altenheim gebracht. Und eine halbe Stunde später ist sie wieder da. Weil sie sich den Verband von der Hand gerissen hat. „Das hat gejuckt“, sagt sie.

Da ist das Neugeborene, das von seiner Mutter in die Babyklappe gelegt worden ist. Als der Alarm in der Notaufnahme durch die Gänge schrillt, schauen sich die Menschen, die gerade Nachtdienst machen an. Dann holen sie tief Luft, gehen zur Babyklappe – einem Raum am anderen Ende der Klinik, in dem ein Babybett steht. „Sind bestimmt wieder nur Tiere oder Penner. Die wissen, dass es dort warm ist und halten sich manchmal dort auf. Sie wissen ja nix vom Alarm.“ In dem kleinen Raum liegt ein Neugeborenes, vielleicht fünf Tage alt in einem viel zu großen Schlafsack. Es sieht gesund aus und betrachtet interessiert seine Umgebung. Auf seiner Brust liegt ein Zettel, herausgerissen aus einem Notizblock. Darauf steht in einer Mädchenschrift: „Nennt ihn Kilian.“

Da ist der Obdachlose, in dessen Wohnwagen es gebrannt hat, der abgebrannt ist und dem die Krankenschwestern und Ärztinnen in der Notaufnahme seine Brandwunden behandeln. Danach soll er gehen, aber er weiß nicht wohin. Sein Wohnwagen ist weg, Geld hat er keins. Die Härchen an seinen Ohren sind verbrannt. Er hat Brandblasen an den Ohren. Ihm fällt ein Freund ein, der ihn für ein paar Tage beherbergen würde. Bevor der Hauptmann sein Portemonnaie greift und dem Fremden 50 Euro für ein Taxi geben kann, hat die Krankenschwester das ihre herausgeholt. Sie gibt ihm fünf Euro und sagt: „Nehmen Sie den Bus. Die 11 fährt dahin.“

Da ist eine andere Krankenschwester, die den jungen gutaussehenden iranischen Arzt sexuell belästigt. Und er weiß nicht, wie er reagieren soll. Wie reagiert mann da?

Da sind die Schwestern und Pfleger, die rauchen und nix Gesundes essen. Die mit Empathie diesen Job machen, in dem sie an ihre Grenzen kommen. In dem sie Menschen helfen, die in Not sind. Sie bekommen Dank dafür und Wärme, aber sie werden genauso bespuckt und geschlagen und beschimpft. „Ist dir aufgefallen, dass der Empfang eine Panzerglasscheibe hat?“, fragt eine von ihnen den Hauptmann. Als der verneint, erzählt sie: „Da ist einmal ein Mann durchs Glas gesprungen und hat uns angegriffen. Wir haben uns alle in den Aufenthaltsraum geflüchtet, wie in einen Panic Room. Wir haben abgeschlossen und die Polizei gerufen. Seitdem ist die Scheibe aus Panzerglas.“

Und zu guter Letzt ist da der Hauptmann, der abends nach seiner Schicht heimkommt und Kitsune erzählt, wie dankbar er ist. Dass es ihm gut geht, „uns gut geht.“ Dass es demütig macht, zu sehen, wie andere Menschen leben – und zwar jene, die krank sind, und die, die sich um sie kümmern.

Die Füchsin schweigt.

Geschichten aus Oberhessen